Eva Schickler, MA (Büro für Utopien, Nürnberg) über Daniel Sabranskis erweitertes fotografisches Werk

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DANIEL SABRANSKIS ERWEITERTES FOTOGRAFISCHES WERK

In einem Zeitalter, in dem sich die Grundstrukturen unserer Existenz rasant wandeln, geprägt von Cyberspace, Digitalisierung, globalem Internet und der latenten Gefahr, dass das Prinzip Mensch zum Auslaufmodell mutieren könnte und Künstler wie Betrachter reihenweise dem perfekten Schein virtueller Oberflächen verfallen, zählt Daniel Sabranski zu den Ausnahmekünstlern, die sich nicht von den Möglichkeiten der Technik blenden und vereinnahmen lassen. Seine Ideen entstehen im Kopf, nicht im Computer. Minimale Sollbruchstellen und Irritationen sind Teil des Konzepts um der zunehmenden Automatisierung das Universum beseelter Menschlichkeit entgegen zu setzen und die Oberhand über die Apparate zu behalten. Mit dieser Haltung steht er Vilém Flussers Plädoyer nach einer neuen Philosophie der Fotografie nahe, die „notwendig ist, weil sie die einzige Form von Revolution ist, die uns noch offensteht.“

Ob mediale Inszenierung, Video, konzeptuelle Bilderfolge, Objekt oder Collage, fast immer geht es bei Sabranski um nichts Geringeres als den großen, existentiellen Fragen mit den Mitteln der Kunst - im wahrsten Sinn des Wortes - auf den (eigenen) Leib zu rücken: Was ist das Leben, die Liebe? Was ist der Mensch? Was ist der Künstler? Wie konstruieren wir unser Selbst? Wie nehmen wir die Welt wahr, die wir vorfinden? Wie haben sich Wahrnehmung und Darstellungskonzepte gewandelt?Wie kaum einem anderen Künstler seiner Generation gelingt es ihm unsere Aufmerksamkeit in den Bann zu ziehen, zu verblüffen und uns nachhaltig in Erstaunen zu versetzen. Dies ist seiner besonderen Imaginationskraft zuzuschreiben, gepaart mit der Fähigkeit Bilder zu erzeugen, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis einprägen. So entwickelt er spannende, auf das Wesentliche subtil, mal provokant, oft irritierend, stets von einer rätselhaften Aura umgeben, jener Energie, die uns magisch anzieht, weil sie sich nicht restlos erklären lässt.

Der Komplexität unserer heutigen Welt entsprechend, stellt Sabranskis Kunst eine intensive Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Bereichen von Wissenschaft, Kunstgeschichte, verschiedenen Kulturen und Subkulturen bis hin zu aktuellem Zeitgeist dar. Es scheint gerade so, also ob alles durch ihn hindurch strömt. Daraus resultiert auch die stringente Methode immer wieder mit Collage, Überlagerungen und Synchronizität zu arbeiten und gleichzeitig verschiedene Zeiten und Räume zu verschmelzen. Beispielsweise begegnen sich Oscar Wilde und Andy Warhol (beide dargestellt von Tom Oliviera) in der Videoinstallation „double you“ (2005) auf zwei separaten, gegenüberliegenden Screens zu einem fiktiven Interview auf Basis von originalen Statements. Dem Betrachter erschließt sich dabei die von Sabranski poetisch in Szene gesetzte, erstaunliche Ähnlichkeit dieser historischen KünstlerCharaktere. 

Die Transformation des eigenen Körpers, der sich immer im Schwebezustand zwischen Erscheinen und Verschwinden befindet und zur „Leinwand“, zum Trägermaterial, zum Inter-Face oder zur Projektionsfläche für die künstlerische Idee wird, ist das zentrale Motiv, das sich durch das gesamte Ouevre des Künstlers zieht. In allen seiner Werke geht es, wie auch in „I am a Photograph“ (2006), immer um mehr, um mehr als die artifizielle Überhöhung und glamourösen Camp. 

Schon der Titel verweist darauf, dass der Künstler selbst zum Kunstwerk wird. Zu Amanda Lears gleichnamigen Song von 1977 performt Sabranski mit einer Reihe von Augenmasken, die er von sich selbst entwickelt hat. Durch verschiedene Beleuchtungssituationen und aufgrund der schnellen Schnittabfolge entsteht die Wirkung eines fotografischen Blitzlichtgewitters. Sabranski wird in dieser Bewegtbildarbeit mit seinen unterschiedlichen Augenmasken selbst zur lebendigen Fotografie. Es ist ein Schlüsselwerk mit ikonischem Potenzial, das den Blick und das Bewusstsein für das Prinzip medialer Präsenz, den Medienzirkus sowie medienimmanente Strukturen schärft. 

Ob Sabranski in „Imi-Ut“ (2005) auf die altägyptische Vorstellung an die generelle Unendlichkeit des Lebens anspielt oder sich in „Athos“ (2007) und „disappearence“ (2006) mittels Camouflage und Mimikry scheinbar auflöst oder er in „Still-Life“ (2011/12) - wie ein Zauberer - Knochen fliegen und Sakkos brennen lässt, jede Arbeit ist ein spannender, inspirierender, unendlicher Kosmos für sich. Jede Arbeit inklusive dazugehörigem Titel, repräsentiert eine einzigartige Idee. So erklärt sich, dass Sabranski vor allem am Unikat interessiert ist und nicht an der exzessiven Serienproduktion. 

Hat Warhol noch die Frage nach Authentizität in Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit gestellt und brachte gewissermaßen die Erkenntnisse aus Benjamins »Kunstwerk«-Aufsatz auf den ästhetischen Prüfstand, so ist es Sabranskis Vision, selbst noch im Verschwinden, in der Auflösung, dem Werk eine unnachahmliche Aura mitzugeben. Er knüpft damit an die Gedankenwelt von Hillel Schwartz an in Zeiten der „tatsächlichen Reproduzierbarkeit“. „Das Fazit ist, daß wir unserem Leben ein Ideal der Authentizität zurückgeben müssen. Wohin dies uns auch führen mag, (...)“ - es kann nur im WIR wurzeln. 

Eva Schickler M.A., Nürnberg

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DANIEL SABRANSKI’S EXPANDED PHOTOGRAPHIC PRACTICE

In an era when the basic structures of our existence are rapidly changing, shaped by cyberspace, digitalization, global internet and the latent danger of humanity itself becoming an obsolete notion, when artists like spectators, fall, one after the other, for the perfect veneer of the virtual surface, Daniel Sabranski counts as one of the exceptional artists who refuse to be taken in by the potential of technology. His ideas develop cognitively, not digitally. He deploys predetermined breaking points and irritations as part of his strategy to counter the growing automation of humanity  and to maintain an upper hand on technology. In this aspect, he echoes Vilém Flusser’s plea for a new philosophy of photography whose importance consists in being “the only form of revolution still open to us.”

Be it through media productions, videos, slideshows, objects or collages, Sabranski never stops short of casting the big existential questions in terms of the body: What is life or love? What is man? What is the artist? How do we construct ourselves? How do we apprehend the world presented to us?  How have our perceptual and representational schema developed?  Rarely have other artists of his generation managed to enchant, confound and leave us so deeply astonished as he. We can attribute this to his remarkable imagination combined with an ability to conjure images which impress themselves indelibly into our memories. With suspense and an essential subtlety, he cultivates an energy, occasionally provoking, often irritating and always enigmatic, which attracts us through its refusal of overarching explanations.

Sabranski’s art demonstrates an intense debate with the most varied fields of science, art history and anthropology appropriate to the complexity of contemporary life. It seems as though everything flows through him. This culminates in a rigorous method of working repeatedly with collage, superimposition and synchronicity and subsequently collapsing the singularity of different times and places. In Double You (2005) for example, Oscar Wilde and Andy Warhol - both played by Tom Oliviera - come together on overlaid screens for a fictive interview composed of original statements. Through this poetic conflation, Sabranski draws the viewer’s attention to the striking similarities between these historic artists. 

The central interest moving through the artist’s oeuvre is a preoccupation with the transformation of one’s own body which always finds itself on the verge of emergence and disappearance, constantly becoming a canvas, a substrate or a screen. All of his works, especially I Am a Photograph (2006), attempt to supersede the constraints of artificial idealization and glamorous camp. 

 

Already, the title suggests that the artist himself is becoming an artwork. Sabranski performs the piece with a series of eye masks cast from his own face, to the eponymous song by Amanda Lear from 1977. Through varied lighting and rapid editing, the scene seems to be illuminated by a photographic lightning storm. In this moving image, Sabranski and his various masks transform into a living photograph. It is a key work with iconic potential which sharpens one’s awareness of the media circus and the immanent structures of media itself.


Whether Sabranski alludes to ancient Egyptian ideas about the  general endlessness of life in Imi-Ut (2005),  dissolves himself  through camouflage and mimicry in Athos (2007) and Disappearance (2006) or throws around bones and burns jackets like a witch doctor in Still Life (2011-12), each work is a tense, inspiring and endless cosmos in itself. Every work and its title represent a unique idea. It’s understandable then, why Sabranski prefers making unique works as opposed to serialized production.

 

Whereas Warhol posed the question of authenticity in an age of mechanical reproduction and put the insights of Benjamin’s famous essay to the test, it’s Sabranski’s vision to imbue his work with an irreplicable aura against all odds. On this note, he resonates with Hillel Schwartz’ thoughts in The Age of Actual Reproducibility. “The bottom line is that we have to return an ideal of authenticity to our lives. Where ever it leads us...” - it can only take root in our collective selves. 

Eva Schickler M.A., Nuernberg

Translation by Good & Cheap Translators, Duesseldorf/Cologne